Informationen zum Projekt: "Dime online"

Datenbank zur Prosopographie des Fajumortes Soknopaiu Nesos

Dr. Maren Schentuleit, Heidelberg

Soknopaiu Nesos liegt am nordwestlichen Rand des Fajum, der größten Oase Ägyptens. Mittelpunkt der Ortschaft war der Tempel des krokodilgestaltigen Gottes Sobek, Soknopaios. Ein Großteil der dort lebenden Bevölkerung tat als Priester der lokalen Gottheiten ihren Dienst. Obwohl der Ort schon zur pharaonischen Zeit besiedelt war, ist er durch Textquellen erst seit der mittleren ptolemäischen Zeit (ca. 200 v.Chr.) richtig präsent.

Die Einführung des Griechischen als offizielle Verwaltungssprache nach der Eroberung Alexanders des Großen 332 v.Chr. bringt zu den Texten in demotischer Schrift und Sprache (vom 7. Jhd. v. Chr. bis ins 5. Jhd. n. Chr. gebräuchlich) eine Vielzahl an Quellen in Griechisch. Praktisch bedeutet dies, daß die Wissenschaftler, die sich mit dieser Zeit beschäftigen, sowohl Griechisch als auch Demotisch beherrschen können müßten. Doch die Realität sieht anders aus. Nur wenige Ägyptologen beherrschen Griechisch, und nur einige Papyrologen können auch Demotisch. Gerade im Fall Soknopaiu Nesos ist dies besonders fatal, da Tausende von Papyri und Tonscherben (Ostraka) in beiden Sprachen und teilweise als Bilinguen erhalten sind, die Aufschluß über die sozialen, juristischen und ökonomischen Strukturen geben können. Die Aufarbeitung der griechischen Papyri ist seit den Grabungen um 1900 recht gut vorangeschritten, auch aus diesem Grund wurde bisher die Auswertung vor allem auf Basis der griechischsprachigen Zeugnisse vorgenommen. In diesem Zusammenhang wäre das Werk von Walter Otto, Priester und Tempel im hellenistischen Ägypten. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Hellenismus, 2 Bde., Leipzig-Berlin 1905 zu nennen.

Die demotischen Texte aus Soknopaiu Nesos hingegen sind aufgrund ihrer schwierigen Paläographie ein stark vernachlässigtes Gebiet. Ein großer Stimulus für die Erforschung des Materials war die Einrichtung des DFG-Projekts „Soknopaiu Nesos nach den demotischen Quellen römischer Zeit“ im Jahr 2000 von Prof. Dr. Karl-Theodor Zauzich, damals Lehrstuhlinhaber für Ägyptologie an der Universität Würzburg. In den 6 Jahren der offiziellen Projektlaufzeit konnten Prof. Zauzich, Sandra L. Lippert und ich zwei Editionsbände (S. L. Lippert, M. Schentuleit, Demotische Dokumente aus Dime I: Ostraka. DDD I, Wiesbaden 2006; S. L. Lippert, M. Schentuleit, Demotische Dokumente aus Dime II: Quittungen. DDD II, Wiesbaden 2006) sowie die Tagungsakten des ersten internationalen Symposions zu Fajumstudien, das von den Projektmitarbeiterinnen organisiert wurde (S. L. Lippert, M. Schentuleit (Hgg.), Tebtynis und Soknopaiu Nesos – Leben im römer–zeitlichen Fajum. Akten des internationalen Symposions vom 11.-13. Dezember 2003 in Sommerhausen, Wiesbaden 2005) publizieren.

Da ich durch mein Studium der Papyrologie an den Universitäten Trier und Leuven/Belgien mit der Arbeit an griechischen dokumentarischen Texten vertraut bin, erstreckt sich mein Aufgabengebiet in dem DFG-Projekt neben der Entzifferung, Übersetzung und Kommentierung der demotischen Texte auch auf die Bearbeitung der griechischen Textteile der Bilinguen. Aus dieser Arbeit ergab sich der Kontakt mit Prof. Deborah Hobson, Professorin an der Universität von Toronto, die sich lange Jahre mit dem aus dem Fajum stammenden griechischsprachigen Material beschäftigt hat. Sie überließ dem Würzburger Projekt ihre Datenbank mit den von ihr gesammelten Personendaten der griechischen Texte (3971 Datensätze).

Nach dem von Sandra Lippert und mir organisierten Symposion im Dezember 2003, bei dem Ägyptologen, Papyrologen und Archäologen erstmals gemeinsam über diese beiden Fajumstädte diskutierten, kam mir die Idee, eine Datenbank zu erstellen, die die Informationen zu den Personen aus den griechischen Texten einerseits und den demotischen Quellen andererseits miteinander verbindet. Das Symposion hat gezeigt, daß die Rekonstruktion der gesellschaftlichen Verhältnisse nur gelingen kann, wenn Informationen aus Textzeugnissen und diejenigen aus den archäologischen Maßnahmen wie Grabungen als Einheit betrachtet und ausgewertet werden. Die Datenbank soll es Wissenschaftlern der verschiedenen Disziplinen ermöglichen, die Erkenntnisse, die aus den Texten gewonnen werden können, in ihre Forschung einzubeziehen. So wird es möglich sein, identische Personen in den verschiedensprachigen Texten auszumachen und ihren Werdegang, auch aufgrund der in griechischen Texten häufiger belegten Personenbeschreibungen (sog. Signalement mit Angabe des Alters der Person, besonderer Kennzeichen wir Narben, Muttermale etc., seltener gibt es Informationen zu Größe, Hautfarbe, Kopfform u.ä.), über die Jahre hinweg zu verfolgen; exemplarisch habe ich dies für eine Priesterfamilie aufgezeigt, die in den griechischen und demotischen Quellen über 130 Jahre belegt ist („Satabus aus Soknopaiu Nesos: Aus dem Leben eines Priesters am Beginn der römischen Kaiserzeit“, in: CdE 82 (2007), 101–125).

Die neuartige Herangehensweise soll aber nicht nur zu Untersuchungen über gesellschaftliche, soziale und ökonomische Themen führen, sondern auch eine Verbindung zu den älteren und neueren archäologischen Unternehmungen herstellen. Seit 2001 ist nach fast einem Jahrhundert Unterbrechung wieder eine archäologische Mission in Soknopaiu Nesos tätig, die Italian Joint Archaeological Mission of Bologna and Lecce Universities unter der Leitung von Prof. Dr. Paola Davoli und Prof. Dr. Mario Capasso (http://www.museopapirologico.eu/soknopai.htm).

Die Verbindung der beiden Disziplinen sind die sogenannten Hausverkaufsurkunden, Verträge, die die Verkäufe von Häusern oder Hausteilen bezeugen. In den Texten ist das Verkaufsobjekt detailliert mit der Lage innerhalb des Dorfes (Nord-, Süd- und Ostviertel), mit seinen Nachbarn und natürlich den Namen der gegenwärtigen und zukünftigen Besitzern genannt, so daß eine berechtigte Hoffnung besteht, zusammen mit den archäologischen Erkenntnissen und den Informationen aus den Texten einen Stadtplan des Dorfes zu entwerfen und einzelne Häuser bestimmten Personen zuzuweisen. Gerade letzteres ist, aufgrund der Einzigartigkeit des Materials, für sonst keinen anderen Ort möglich.

Die Datenbank befindet sich im Aufbau. Es ist beabsichtigt, relevante Daten kontinuierlich einzupflegen. Die Entwicklungsphase 2006/2007 ist dankenswerterweise von der Gerda Henkel Stiftung ermöglicht worden. Für die technische Betreuung ist Clemens Liedtke, M.A. verantwortlich. Die Daten sind in der ersten Förderphase von Christoffer Theis (jetzt Heidelberg) eingepflegt worden.